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Manifest
zur Minderung des anthropogenen Treibhauseffektes
durch die Wald- und Holz-Option

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Autor (-en):
Autorenkollektiv unter der Koordination von Prof. em. Dr. Peter Burschel
Kontakt:
Zusendung am:
18.05.2005
Einstellung am:
06.06.2005
Dokumenttyp:
Positionspapier von Wissenschaftlern aus den Bereichen Forst- und Holzwirtschaft sowie Politik
Zusammenfassung:
Forderung zur politischen Anerkennung der Rolle von Forst- und Holzwirtschaft im Kohlenstoffhaushalt und für entsprechende politische Weichenstellungen.
Dieses Manifest wurde von mehr als 200 Wissenschaftlern unterzeichnet und am 12.02.1998 an den Bundeskanzler gesandt.
Die technische Zivilisation deckt ihren Energiebedarf vor allem durch die Verbrennung großer Mengen fossiler Energieträger. Dabei wird Kohlendioxid (C02) freigesetzt, das dem atmosphärischen Kreislauf in Millionen von Jahren entzogen wurde. CO2 wird auch dort freigesetzt, wo Wälder gerodet, verbrannt oder degradiert werden. Die Folge davon ist die Verstärkung des natürlichen Treibhauseffektes der Atmosphäre mit der Konsequenz von Klimaänderungen.

Die Bundesregierung hat diese Zusammenhänge erkannt und beteiligt sich intensiv an der Entwicklung und Durchsetzung von Gegenmaßnahmen. Dabei setzt sie vor allem auf Maßnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs, was von den Unterzeichnern auch ausdrücklich unterstützt wird. Zu wenig Beachtung wurde dagegen bisher einer Option geschenkt, die sofort und zusätzlich ergriffen werden kann, um den CO2-Anstieg in der Atmosphäre zu verlangsamen und damit Industrie sowie Gesellschaft den nötigen Zeitraum zu verschaffen, den sie für eine sozio-ökonomisch verträgliche Anpassung von Produktion und Lebensweise benötigt: die Wald- und Holz-Option.
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Diese Option setzt sich aus folgenden Komponenten zusammen:

A Emissionsvermeidung durch Waldschutz

1. Vermeidung von Kohlendioxid-Emissionen durch Schutz des Waldes vor Zerstörung und Degradierung.

B Kohlenstoffbindung

2. Erhöhung des Kohlenstoffvorrats in bestehenden Wäldern durch kohlenstoff-ökologische Optimierung der Bewirtschaftung.

3. Bindung von Kohlenstoff durch Förderung der Wiederbewaldung devastierter Flächen und Aufforstung unproduktiver oder erosionsgefährdeter landwirtschaftlicher Standorte.

4. Vermehrung der in Holzprodukten gebundenen Kohlenstoffmenge durch Förderung der Holzverwendung.

C. Emissionsminderung durch Substitution

5. Verminderung fossiler Kohlendioxidemissionen durch vermehrten Einsatz von Holz aus nachhaltiger Bewirtschaftung als Energieträger.

6. Ersatz energieaufwendiger Materialien (Bau- und Werkstoffe) durch Holz.
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Deutschland hat eine lange Tradition im Umgang mit Wald. Das Konzept der Nachhaltigkeit ist schon vor mehr als 200 Jahren durch die deutsche Forstwissenschaft entwickelt worden. Gut ausgebildete Forstleute sind befähigt, diese Tradition und das damit verbundene Wissen zu transportieren und zu exportieren. Die Bundesrepublik Deutschland ist daher in besonderem Maße prädestiniert und verpflichtet, die Vorreiterrolle eines Klimaschutzes zu übernehmen, der dem Wald eine besondere Bedeutung beimisst - und zwar im nationalen, europäischen und globalen Kontext.

Deshalb empfehlen die Unterzeichner der Bundesregierung, folgende Maßnahmen zu ergreifen:

1. Emissionsvermeidung durch Waldschutz: Unberührte Naturwälder stellen große Kohlenstoffspeicher dar. Weltweit gibt es davon noch viele Millionen Hektar. Werden sie vor Exploitation, Rodung oder Degradation bewahrt, so werden dadurch CO2-Emissionen vermieden. Gleichzeitig wird damit ein bedeutender Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität geleistet. Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland sollte daher Mechanismen entwickeln, durch die der weltweite Schutz großer Flächen intakter Naturwälder als Kohlenstoffspeicher ökonomisch attraktiv gemacht und der Speichereffekt als Beitrag zur Minderung des anthropogenen Treibhauseffektes anrechenbar wird (Anerkennung der Senkenfunktion von Wäldern im Kyoto-Protokoll).

2. Kohlenstoffbindung durch Erhöhung der Biomasse in Wirtschaftswäldern: Das Speichervermögen von Wirtschaftswäldern ist in hohem Maße durch Bewirtschaftung beeinflussbar. In Zukunft sollte als neuer Bewirtschaftungsmaßstab neben ökonomischen und anderen ökologischen Aspekten auch eine Optimierung der Speicherwirkung für Kohlenstoff ausdrücklich berücksichtigt werden.
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3. Bindung von Kohlenstoff in neu zu schaffendem Wald: Sowohl durch den Wiederaufbau verlichteter und degradierter Wälder als auch durch die Aufforstung von Flächen, die durch den Menschen völlig entwaldet wurden, entstehen wirksame Senken für Kohlendioxid. Die Neuschaffung von Wald als CO2-Senke muss als nationaler Beitrag zur Emissionsminderung anerkannt und als solcher auch kommerzialisierbar gemacht werden. Zusätzliche Effekte solcher Maßnahmen sind der Schutz der Ressourcen Boden und Wasser, die Erhaltung und Steigerung der Biodiversität sowie Entwicklungsimpulse für ländliche Regionen. Die Bundesregierung sollte daher einen weltweiten Anstoß für die Schaffung von neuem Wald geben und dazu beitragen, die Maßstäbe für die Berechnung und Dokull1entierung der damit einhergehenden Bindungseffekte für Kohlenstoff zuverlässig und zugleich einfach zu gestalten.

4. Bindung von Kohlenstoff durch die Holzwirtschaft: Nachhaltig genutzter Wirtschaftswald ist eine stetige Quelle für den Rohstoff Holz. Jedes hölzerne Produkt - sei es ein Möbelstück oder ein Holzhaus - stellt daher für die Dauer seiner Nutzung eine Vergrößerung des Waldspeichers dar. Deshalb sollte dieser Produktspeicher für Kohlenstoff durch Förderung der Holzverwendung vergrößert werden.

5. Emissionsminderung bei Ersatz fossiler Energieträger durch Holz: Stammt Holz aus nachhaltiger Waldwirtschaft, so kann es anstelle fossiler Brennstoffe energetisch verwendet werden, ohne dass es dabei zu einer Erhöhung des CO2-Gehaltes der Atmosphäre kommt: Im nachwachsenden Wald wird genauso viel CO2 gebunden, wie durch Verbrennung freigesetzt wird. Jede Verfeuerung von Holz aus nachhaltiger Produktion anstelle fossiler Energieträger stellt daher einen Beitrag zur Minderung des Treibhausproblems dar. Es wird deshalb angeregt, die Verwendung nachhaltig produzierten Holzes als Energieträger zu fördern und die technische Entwicklung von Holzverbrennungsanlagen noch intensiver als bisher voranzutreiben.

6. Emissionsminderung bei Ersatz energieaufwendiger Materialien durch Holz: Holz ist gespeicherte Sonnenenergie. Die zu seiner Produktion aufzuwendende Menge an fossilen Brennstoffen macht nur etwa 4% seines Energiegehaltes aus. Auch für die Be- und Verarbeitung dieses Rohstoffes ist nur sehr wenig fossile Energie erforderlich. Wird Holz anstelle energieaufwendiger Materialien (Aluminium, Stahl, Beton usw.) verwendet, so werden Kohlendioxidemissionen vermieden. Es ist daher auch aus diesem Grunde notwendig, dass Produkte aus Holz eine vorrangige Behandlung erfahren und Energiebilanzen zu einem entscheidenden Kriterium bei der Materialauswahl werden.
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Bei allen Maßnahmen im Zusammenhang mit dem vorstehenden Forderungskatalog ist davon auszugehen, dass sowohl die Emission von Kohlenstoff als CO2 wie auch dessen Einbindung in die Vegetation globale Prozesse sind. Es ist daher gleichgültig, wo auf der Erde dieses Treibhausgas emittiert oder eingebunden wird! Alle genannten Aktivitäten, die aus der Bundesrepublik Deutschland initiiert, jedoch außerhalb ihres Staatsgebietes unter Beachtung der jeweiligen ökologischen und sozioökonomischen Verhältnisse durchgeführt werden (Projekte im Rahmen von Joint Implementation und Clean Development Mechanism), müssen daher auch national als wirksam und förderungswürdig anerkannt und - zumindest teilweise - auf die nationale Verpflichtung zur Emissionsreduktion angerechnet werden. Dazu ist Voraussetzung, dass der Minderungseffekt zuverlässig quantifiziert wird.

Im folgenden werden drei Szenarien vorgestellt, in denen beispielhaft für die Bundesrepublik Deutschland vorgeführt wird, welche Potentiale die Wald- und Holz-Option für den Klimaschutz bietet und welche Kosten damit verbunden sind.

Szenario 1:

Die Bundesrepublik entscheidet sich, 1⁄5 des verkündeten CO2-Reduktionsziels von 25% bis zum Jahr 2005 über Aufforstungen zu realisieren. Damit könnten rund 5% der jährlichen CO2Emissionen der Bundesrepublik, also etwa 40 Mio. Tonnen*, durch forstliche Maßnahmen rückgebunden werden. Das ist möglich durch den Wiederaufbau devastierter Wälder und Aufforstungen von weltweit in großem Umfang verfügbaren Flächen, die ihre Waldbestockung durch anthropogene Einwirkungen verloren haben. Bei 100 DM** pro Jahrestonne CO2 ergeben sich dafür Kosten von 4 Mrd. DM. Verteilt auf einen Zeitraum von 7 Jahren (1999-2005) sind dies mithin 570 Mio. DM im Jahr. Wollte man diese Finanzlast nur auf den Ölverbrauch umlegen, so müsste für 7 Jahre die in Rede stehende Steuerbelastung des Mineralöls (ca. 165 Mrd. Liter Verbrauch) um lediglich 0,35 Pfennig⁄I erhöht werden. Eine Umlage der Kosten auch auf Braunkohle, Steinkohle, Erdgas (und Kernbrennstäbe) würde die Last auf unter 0,2 Pfennig je Liter Heizöl oder Kerosin, Diesel bzw. Benzin senken. Die durch forstwirtschaftliche Maßnahmen entstehenden Kosten für CO2-Vermeidung bzw. CO2-Kompensation sind somit außerordentlich gering. Zu bedenken ist dabei weiterhin, dass bei der Nutzung fossiler Energieträger bisher erhebliche externe soziale und ökologische Kosten nicht internalisiert werden.
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Szenario 2:

Die Bereitstellung einer Kilowattstunde Strom aus Kohle ist mit bis zu 1 kg CO2-Emission verbunden. Die Wiedereinbindung dieser CO2-Menge kostet - via Wald - zwischen 2 und 0,2 Pf, je nach Zeitraum, in dem das CO2 absorbiert werden soll (5 bis 50 Jahre).
Der Ausstieg aus der Kernkraft wird - zumindest in einer Übergangsphase von ein bis zwei Jahrzehnten - zu vermehrten Kohlendioxidemissionen fuhren. Angesichts der schon erkennbaren Bedrohung durch die Klimaänderung verträgt die Atmosphäre keine zusätzliche Belastung mit CO2. Würde ein Ausstieg mit einem forstwirtschaftlichen Ansatz gekoppelt, könnten notwendig werdende zusätzliche Strommengen aus Gas- oder Kohlekraftwerken CO2-neutral gestellt werden. Dadurch würde der Ausstieg aus der Atomwirtschaft ohne CO2-Anstieg in der Atmosphäre realisierbar. Ein solcher klimaneutraler Ausstieg erforderte - im Falle, dass alle Atomreaktoren abgeschaltet würden - die Bindung von etwa 150 Mio. t CO2 p.a. Bei einer CO2-Einbindungszeit von 50 Jahren würde das etwa 300 Mio. DM p.a. kosten, bei 25 Jahren 600 Mio. DM, oder 0,2 Pf bzw. 0,4 Pf pro Kilowattstunde aus Kernkraftwerken. Ein typischer deutscher Privathaushalt hat einen Stromverbrauch von rund 4000 kWh pro Jahr. Davon stammen im Mittel rd. 1400 kWh aus Kernkraft. Würde dieser Anteil durch fossile Energie ersetzt und die damit verbundene CO2-Belastung durch forstliche Maßnahmen kompensiert, so ergäben sich daraus für den durchschnittlichen Privathaushalt zusätzliche Kosten in Höhe von 3 bzw. 6 DM jährlich.

Szenario 3:

Der in nachhaltiger Forstwirtschaft produzierte Rohstoff Holz wird gezielt eingesetzt, um CO2 zu speichern und fossile Energie zu ersetzen. Das in der Bundesrepublik zur Verfugung stehende Potential für Brenn- und Energieholz in Höhe von 28-37 Mio. m3IJahr wird konsequent zur Substitution fossiler Brennstoffe genutzt. Dadurch lässt sich eine jährliche CO2-Emissionsminderung von gut 30 Mio. t CO2 erzielen. Eine Umsetzung dieser Möglichkeit setzt allerdings voraus, dass Holz als CO2-neutraler Energieträger von jeglicher Ökosteuer befreit und seine energetische und materielle Nutzung politisch gefördert wird. Gleichzeitig wird der Anteil der in Holzbauweise errichteten Gebäude von heute 9% auf 30-35% erhöht. Dies bewirkt eine jährliche CO2-Bindung von ca. 8,5 Mio. Tonnen CO2.
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Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass durch die Holzverwendung anstelle energieaufwendiger Materialien zusätzlich Energie in erheblichem Umfang eingespart wird. Allein durch die genannten Maßnahmen der Holzverwendung könnten 5% der jährlichen CO2-Emissionen der Bundesrepublik kompensiert bzw. vermieden werden.Der in nachhaltiger Forstwirtschaft produzierte Rohstoff Holz wird gezielt eingesetzt, um CO2 zu speichern und fossile Energie zu ersetzen. Das in der Bundesrepublik zur Verfugung stehende Potential für Brenn- und Energieholz in Höhe von 28-37 Mio. m3IJahr wird konsequent zur Substitution fossiler Brennstoffe genutzt. Dadurch lässt sich eine jährliche CO2-Emissionsminderung von gut 30 Mio. t CO2 erzielen. Eine Umsetzung dieser Möglichkeit setzt allerdings voraus, dass Holz als CO2-neutraler Energieträger von jeglicher Ökosteuer befreit und seine energetische und materielle Nutzung politisch gefördert wird. Gleichzeitig wird der Anteil der in Holzbauweise errichteten Gebäude von heute 9% auf 30-35% erhöht. Dies bewirkt einejährliche CO2-Bindung von ca. 8,5 Mio. Tonnen CO2. Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass durch die Holzverwendung anstelle energieaufwendiger Materialien zusätzlich Energie in erheblichem Umfang eingespart wird. Allein durch die genannten Maßnahmen der Holzverwendung könnten 5% der jährlichen CO2-Emissionen der Bundesrepublik kompensiert bzw. vermieden werden.

Im Sinne eines wirksamen weltweiten Umweltschutzes und unter Rücksichtnahme auf die folgenden Generationen (inter-generative Gerechtigkeit) fordern die Unterzeichner die Bundesregierung auf, die herausragenden Möglichkeiten, die Wald, Forst- und Holzwirtschaft national und global für den Klimaschutz bieten, bei allen anstehenden politischen Überlegungen, Verhandlungen und Entscheidungen mit dem gebührenden Gewicht zu vertreten.

Zusatzdokument: » Liste der Unterzeichner des Manifestes als pdf-Datei   pdf-Logo

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